Ausrottung von Arten


Ausrottung von Arten
Ausrottung von Arten
 
Evolution kann als ein Prozess verstanden werden, in dem neue Arten entstehen und zwangsläufig auch vorhandene Arten aussterben. Beide Prozesse sind natürliche Vorgänge, die sich zum Teil sogar gegenseitig bedingen. Da eine Art nur eine durchschnittliche Lebensdauer von einigen Millionen Jahren hat, muss jede heute lebende Art einige Hundert oder gar Tausend ausgestorbene Vorläuferarten haben. Wegen der zunehmenden Artenaufsplitterung hat sich dabei einerseits die Zahl der jeweils lebenden Arten (von gewissen katastrophenartigen Ereignissen einmal abgesehen) immer weiter erhöht, andererseits kann man aus heutiger Sicht auch annehmen, dass die meisten Arten, die je auf der Erde gelebt haben, inzwischen auch schon wieder ausgestorben sind. Wenn man die Zahl der heute existierenden Arten mit fünf Millionen annimmt, bedeutet dies (bei aller Unsicherheit einer solchen Hochrechnung), dass es bisher bereits eine oder mehrere Milliarden Arten auf der Erde gegeben hat. Veränderungen des Artenbestands, der Biodiversität, sind daher als ein völlig natürlicher Vorgang anzusehen.
 
 Artenausrottung erhält durch den Menschen eine andere Dimension
 
Ursprünglich nur eine Art wie viele andere Arten auch, wirkte der Mensch bald in besonderem Ausmaß auf die natürliche Artendynamik, vor allem im Sinn einer Artenausrottung, ein. Die moderne durch den Menschen verursachte Vernichtung von Arten schließlich zeichnet sich vor allen bisherigen natürlichen Prozessen durch drei Besonderheiten aus. Einzelne Tiergruppen, zuerst die steinzeitliche Megafauna, dann vor allem jagdbares Wild, bestimmte Großsäuger, gefleckte Großkatzen oder Krokodile, sind besonders betroffen. Durch den gleichzeitigen Zugriff auf große Gebiete werden nicht nur einzelne Arten, sondern ganze Lebensgemeinschaften und Ökosysteme vernichtet. Dies betrifft dann beispielsweise auch Insekten oder sogar der Wissenschaft noch unbekannte Arten, die nie gezielt gejagt worden wären. Die Geschwindigkeit dieser Vorgänge ist 100- oder 1000-mal schneller als die natürliche Aussterberate, eine Kompensation durch die Entstehung neuer Arten ist also nicht mehr möglich, die globale Artenvielfalt (Biodiversität) nimmt daher ab.
 
 Schon Steinzeitjäger rotteten viele Arten aus
 
Der heutige Mensch, Homo sapiens, stammte wie die vor ihm entstandenen Arten aus Ostafrika und breitete sich von dort auf dem ganzen Kontinent, aber auch über Mesopotamien und Kleinasien nach Südeuropa und Asien aus. Von Südostasien aus begann vor etwa 50 000 Jahren über Indonesien die Besiedlung Australiens und vor ungefähr 20 000 Jahren erreichten die sich stetig ausbreitenden Menschen jenseits der damals trockengefallenen Beringstraße Nordamerika. In der relativ kurzen Zeit von vermutlich nur 1000 Jahren wurde über die Kordilleren und die Anden die Südspitze Südamerikas erreicht, dann die östlich gelegenen Gebiete besiedelt. Somit waren vor etwa 10 000 Jahren alle Kontinente der Erde durch den heutigen Menschen besiedelt, immerhin mindestens ein Drittel der festen Erdoberfläche.
 
Um sich Nahrung zu verschaffen oder um sich Gefahren vom Leib zu halten, tötete der vordringende Mensch überall das Wild, das er vorfand. Vor allem die 10 000-jährige nacheiszeitliche Ausbreitungsphase des Menschen war mit einem schnellen und gleichzeitigen Aussterben vieler Großsäuger verbunden, das von Paläontologen bereits als »Blitzkrieg« bezeichnet wurde. Während in Ostafrika Menschen eigentlich schon immer zum natürlichen Lebensraum dazugehörten und sich viele Wildarten mit den Menschen entwickeln konnten, gelang dies wegen der sehr schnellen Besiedlung auf den übrigen Kontinenten nicht. Eine Co-Evolution zwischen Mensch und Wild, wie sie in Ostafrika stattfand, gab es andernorts nicht. Nord- und Südamerika wurden in jeweils nur knapp 500 Jahren besiedelt, Madagaskar und Neuseeland vermutlich sogar in noch kürzeren Zeiträumen. Dies alles hat sich katastrophal auf die jeweilige Tierwelt ausgewirkt, viele Arten starben aus. Bevor der Mensch auftrat, mussten etwa Riesenformen (die wegen ihrer Größe auch als Megafauna bezeichnet werden) aufgrund ihrer Stärke oder des Fehlens von Feinden keine Gefahren befürchten, konnten sich vermutlich extrem niedrige Vermehrungsraten leisten. Mit dem Erscheinen des Homo sapiens waren sie den weit reichenden Waffen der Steinzeitjäger ausgesetzt. Möglicherweise hatten sie auch kein Fluchtverhalten und waren in ganzen Landstrichen leicht und schnell auszurotten. Da vermutlich zumindest zu manchen Zeiten und bei manchen Gegebenheiten recht verschwenderisch mit dem Wild umgegangen wurde, also viel mehr getötet wurde, als gegessen werden konnte, wird auch der Begriff »Overkill« für das Verhalten unserer Vorfahren gebraucht.
 
 Gezielte Bejagung und Ausrottung
 
Als die Erde zunehmend dichter besiedelt wurde, war die bisherige Lebensweise als Jäger und Sammler nicht mehr möglich und immer mehr Menschen mussten sesshaft werden, um sich als Bauer und Viehzüchter zu ernähren. Die Jagd verlor zwar ihre zentrale Rolle zur Ernährungssicherung, behielt aber meist dennoch eine Funktion als zusätzlicher Proteinlieferant recht lange bei, oft bis es nichts mehr zu jagen gab. Der Druck auf die verbliebenen Wildbestände wurde somit immer größer, denn neben der Bejagung schränkte auch die zunehmende Zahl der Siedlungen den natürlichen Lebensraum vieler Tiere ein.
 
Die ersten Viehzüchter hatten im Verlauf vieler Tiergenerationen aus wilden Stammformen die Vorfahren der späteren Haustiere gezüchtet, denen das oft störende »Wilde« ihrer frei lebenden Artgenossen fehlte. Deshalb hatten die Menschen ein großes Interesse daran, Rückkreuzungen mit den wild lebenden Ahnen zu verhindern, da hierdurch ja die ersten züchterischen Errungenschaften gefährdet worden wären. Die Wildformen der späteren Haustiere wurden daher parallel zur beginnenden Domestikation besonders intensiv bejagt und schnell ausgerottet, vielleicht auch weniger bewusst aus züchterischen Gründen, sondern einfach, weil sie gutes Jagdwild waren. So wurde das Wildschaf in Mitteleuropa schon um 2000 v. Chr. ausgerottet. Der Ur oder Auerochse, die Stammform des Hausrinds, war bis zum 14. Jahrhundert in ganz Europa verschwunden. Die letzten Vorkommen der Wildform des Hauspferds, des Przewalski-Pferds, sind Anfang des 19. Jahrhunderts in Zentralasien verschwunden, einige Tiere konnten aber immerhin in zoologischen Gärten überleben.
 
 Vorurteile und Aberglauben fördern die Ausrottung von Wildtieren
 
Zum weiteren Schutz der Haustiere wurden überall Raubtiere und Greifvögel konsequent ausgerottet. So gab es bereits vor der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland keine Luchse und Braunbären mehr. Wölfe waren dann um die Jahrhundertwende ebenfalls ausgerottet, kurze Zeit später auch Wildkatze und Bartgeier. Oft genug wurde die völlige Vernichtung dieser Arten durch fantasievolle Erzählungen, die Märchen und Sagen umfassten oder als Abenteuererzählung oder Tatsachenbericht Anspruch auf Authentizität erhoben, argumentativ abgesichert und somit scheinbar gerechtfertigt. Bartgeier wurden nur noch als »Lämmergeier« bezeichnet, obwohl sie nie lebende Lämmer schlagen. Diese Meinung hält sich allerdings mancherorts bis heute hartnäckig. Vom Fuchs weiß jedes kleine Kind, dass er Gänse und Hühner frisst, obwohl seine Nahrung zum weitaus überwiegenden Teil aus Insekten, Regenwürmern, Fröschen und Aas besteht. Vor allem in Märchen sind Bären als listig und verschlagen, oft auch als hinterhältig und gefährlich beschrieben.
 
Am deutlichsten wird diese unbewusste Erziehung mit falschen Behauptungen beim Wolf. Noch heute haben viele Menschen panische Angst vor Wölfen, sodass sie ihnen in Albträumen erscheinen. Film und Fernsehen, Romane und Märchen bedienten sich seit jeher dieser angeblichen Urangst, sodass Wölfe eine beliebte Metapher wurden, die wir von Grimm über Hesse bis Prokofjew in unserer Kultur wieder finden. Selbst Mischlinge zwischen Wolf und Mensch kommen seit germanischen Zeiten im Volksglauben vor (»Werwolf«). Sie schüren diffuse Ängste, diesmal vor Wölfen, die in Gestalt eines Mannes Menschen zerfetzen (das althochdeutsche Wort »wer« bedeutet Mann). Dieses schlechte Image hat der Wolf gänzlich zu Unrecht, denn es hat in historischer Zeit in Mitteleuropa vermutlich nie Todesfälle durch frei lebende Wölfe gegeben. Vielmehr meiden Wölfe den Menschen, sodass Angriffe, die der Mensch übrigens auch zum Beispiel durch Waffen, Lärm und Aufrechtstehen leicht abwehren könnte, recht unwahrscheinlich sind.
 
 So manche Art endete als »Reiseproviant«
 
Die Erkundung und Eroberung der Welt durch den Menschen fand vor allem auf dem Weg der Seefahrt statt. Da bei langen und weiten Fahrten Nahrungsvorräte knapp wurden, nutzte man unterwegs jede Möglichkeit, sich mit Wildtieren zu verproviantieren. Vielen Inselpopulationen von geeigneten Tieren wurde dies zum Verhängnis. So wurde beispielsweise die bis zehn Meter lange, aber vermutlich völlig wehrlose Steller'sche Seekuh an der Küste Kamtschatkas und vorgelagerter Inseln 1741 entdeckt und so intensiv bejagt, dass sie 1768 schon ausgerottet war. Große flugunfähige Vögel wie die Dronte (auch Dodo genannt) auf Mauritius und der verwandte Solitär auf Rodriguez verschwanden im 17. und 18. Jahrhundert. Auf vielen Inseln und an vielen Küsten wurden Pinguine oder Robben erbarmungslos vernichtet. Riesenschildkröten, die sich besonders gut als lebende Fleischvorräte eigneten, wurden auf mehreren Inseln des Galápagos-Archipels ausgerottet. Im Jahr 1844 starb der letzte Riesenalk der nordatlantischen Inseln.
 
 Durch den Walfang wurden viele Wale fast ausgerottet
 
Eine besonders zerstörerische Form der Ausbeutung von Ressourcen findet auf den Weltmeeren heute noch beim Walfang und beim rücksichtslosen Fischfang statt. Der Walfang hat in vielen Staaten Tradition und ist eine Jagdform, die durchaus schonend ausgeübt werden könnte. Stattdessen wurden so viele Wale wie möglich gefangen, und als die Bestände bestimmter Arten und in einzelnen Gebieten gegen null reduziert waren, wurde der Fang auf andere Meeresteile und immer mehr Arten ausgedehnt. Zudem wurde die Fang- und Verarbeitungskapazität der Walfangschiffe erhöht: Walfangmutterschiffe sind schwimmende Fabriken, die riesige Wale an Bord ziehen und in kurzer Zeit komplett verarbeiten. Die eigentlichen Fangschiffe sind wendige, kräftige Schiffe mit modernen Ortungssystemen und raketenähnlichen Geschossen mit Explosivkopf. Die begehrten Großwale wie Grauwal und Blauwal, Buckelwal und Glattwal kamen so schnell an den Rand des Aussterbens — auch fast alle anderen Arten wurden auf diese Weise dezimiert —, dass die aufwendige Jagd sich nicht mehr lohnte. 1985 wurde daher auf internationalen Druck der kommerzielle Walfang bis auf weiteres eingestellt.
 
Bereits 1979 gelang es, ein Schutzgebiet im Indischen Ozean auszuweisen. 1994 wurde es durch den Teil des antarktischen Meers ergänzt, der südlich des 40. Breitengrads liegt. Somit umfassen diese beiden aneinander angrenzenden Gebiete einen großen Teil des Lebensraums der meisten Großwale. Derzeit versuchen Interessengruppen immer wieder, den Walfang erneut aufzunehmen. Einzelne Staaten (vorab Japan und Norwegen) halten sich nicht an das international vereinbarte Moratorium und fangen Wale »zu wissenschaftlichen Zwecken«. Es soll hier nicht unterschlagen werden, dass es mit annähernd der gleichen Legitimation wie bei jeder anderen Form der Jagd durchaus möglich ist, Walfang zu betreiben. Voraussetzung ist jedoch ein international geregeltes Vorgehen, welches genügend große Bestände der Tiere und ihre Lebensräume effektiv schützt.
 
 Treibnetze werden vor allem Delphinen zum Verhängnis
 
Der Fang mit Treibnetzen stellt in den Weltmeeren ein besonderes Problem dar. Angelleinen mit 130 Kilometern Gesamtlänge, beutelförmige Schleppnetze, in die zwölf Jumbojets passen würden, und wie ein Vorhang senkrecht im Wasser hängende Netze, die 120 Kilometer lang sein können und 100 Meter in die Tiefe reichen, verschonen kein Lebewesen mehr. Ursprünglich zum Fang von Fischschwärmen gedacht, macht der nicht verwertbare Beifang von Delphinen und anderen Walen, Seevögeln, Meeresschildkröten, Haien, Robben und weiteren Tieren manchmal die Hälfte der tatsächlichen Beute aus. Da diese Tiere in den tödlichen Fallen umkommen, erweist sich solch ein unselektiver Fang als ernst zu nehmende Gefahr für den Fortbestand vieler Arten.
 
Ende 1992 trat eine UNO-Resolution in Kraft, die große Hochseetreibnetze verbot. Es ist jedoch bis heute noch nicht gelungen, dieses Verbot konsequent umzusetzen. Italien, das noch 1995 im Mittelmeer über 600 Schiffe mit Treibnetzen unterhielt, ist nach Angaben der Internationalen Walfangkommission dort jährlich maßgeblich für den Tod von etwa 8000 Walen verantwortlich, die in den Treibnetzen ertrinken. Vor allem Delphine kommen oft in großer Zahl in Treibnetzen um, weil sie mit Thunfischen, dem eigentlichen Ziel des Fangs, vergesellschaftet schwimmen. Um vom schlechten Image der Hochseefischerei wegzukommen, weisen einige Produzenten seit einigen Jahren auf ihren Konservendosen auf die »delphinsichere« Fangweise hin, was vermutlich einen Verzicht auf Treibnetze bedeuten soll.
 
 Tierknochen als Wundermedizin, Pelze als Statussymbol
 
In der heutigen Zeit ist Nahrungserwerb in manchen Ländern zwar immer noch ein Motiv für die intensive Bejagung frei lebender Tiere, vermutlich ist die Trophäenjagd (in einem weiten Sinn verstanden) jedoch viel bedrohlicher geworden. Tiere werden wegen ihres Fells oder ihrer Haut getötet, man stellt ihnen nach, weil ihr Horn oder andere Organe als Aphrodisiakum wirken sollen oder angeblich Krebs besiegen.
 
Die modische Vorliebe für Mäntel aus Fellen gefleckter Raubkatzen führte zu einem bedrohlichen Jagddruck auf Leopard, Ozelot, Jaguar und andere Arten. In Verbindung mit der zunehmenden Lebensraumzerstörung durch die immense Nachfrage nach landwirtschaftlich nutzbaren Flächen wurden diese Tiere in vielen Regionen ausgerottet, in anderen sind sie im Bestand gefährdet. Internationale Proteste und so manche Boykottaktion haben schließlich ein gewisses Umdenken bewirkt, sodass heute das Auftreten eines Stars in einem Jaguarfellmantel nicht mehr als sexy oder chic, sondern eher als unverantwortlich, umweltschädigend und imagezerstörend eingestuft wird. Möglicherweise haben sich im Zeitalter täuschend echter Imitationen die Originale auch überlebt, sodass dank synthetischer Felle oder Farbdrucke auf Kunststoff keine Tiere mehr aus modischen Gründen sterben müssen.
 
Ursprünglich wurden Tiger wegen ihres Fells und als Trophäe gejagt, inzwischen werden auch ihre Knochen hoch gehandelt, weil sie nach Rezepten der traditionellen chinesischen Medizin gegen alle möglichen Krankheiten helfen sollen. Vor allem China, Taiwan und Korea haben daher maßgeblich dazu beigetragen, dass von den ehemals acht asiatischen Unterarten des Tigers inzwischen drei ausgestorben sind (Kaspi-, Bali- und Java-Tiger). Der chinesische Tiger ist vermutlich der nächste, der aussterben wird, der Amur-Tiger könnte folgen. Lediglich vom indischen Tiger gibt es noch eine größere Population, insgesamt dürfte es aber kaum mehr als 6000 Tiger in Asien geben.
 
 Schlangen- und Krokodilhäute stammen meist von Freilandfängen
 
Allerdings gibt es von einigen Pelztierarten inzwischen auch Zuchtfelle. Wenn man sich dann jedoch vor Augen hält, unter welch erbärmlichen Umständen diese Tiere oft in knapp körpergroßen Drahtkäfigen gehalten werden, kann bezweifelt werden, dass dies eine Verbesserung darstellt. In solch einem Fall ist das beschwichtigende und werbewirksam gedachte Prädikat »Zuchttier« eher ein Alarmsignal. Massentierhaltung ist auch bei manchen Krokodilarten offenbar der einzige Ausweg, eine rücksichtslose Bejagung frei lebender Bestände zu verhindern oder zu reduzieren. Wenngleich auch Zuchtfarmen sicherlich nie die Produktivität wie manche Naturlandschaften haben werden (aus dem brasilianischen Pantanal werden jährlich immer noch über eine halbe Million Kaimanhäute erbeutet), scheint in anderen Regionen der Jagddruck wenigstens etwas nachzulassen. Vielleicht zeigen auch vereinzelt Grenzkontrollen und Importbeschränkungen eine gewisse Wirkung. Bei Schlangen ist die Situation sicherlich anders, denn bei kaum einer Art scheint die Zucht wirtschaftlich möglich zu sein, sodass vermutlich alle gehandelten Häute aus Freilandfängen stammen dürften. Bei all diesen Tieren ist aber eine betrügerische Umdeklaration von Wildfängen zu Gefangenschaftsnachkommen weit verbreitet. Vor allem unter Schlangen und Krokodilen sind daher viele Arten äußerst bedroht.
 
 
Der afrikanische Elefant ist bedroht, weil seine Stoßzähne wegen der starken Nachfrage nach Elfenbein, beispielsweise für Schnitzereien oder Klaviertasten, sehr begehrt sind. Das Überleben des indischen Elefanten scheint hingegen durch seine Quasi-Haustierhaltung gesichert zu sein, wenngleich diese Bedeutung im ausklingenden 20. Jahrhundert langsam abnimmt. In den meisten afrikanischen Staaten wurden die Elefantenbestände in den letzten 25 Jahren um 90 Prozent (von ehemals fünf Millionen auf etwa eine halbe Million Tiere) reduziert, die verbleibenden Reste sind fast überall stark gefährdet. Schutzbestrebungen haben nur geringen Erfolg, weil gleichzeitig der Lebensraum der Tiere durch eine intensivere Landnutzung der Menschen eingeschränkt wird. Elefantenherden haben recht großräumige Ansprüche und so sind Mensch und Elefant unabhängig von der Elfenbeinjagd direkte Konkurrenten um landwirtschaftlich nutzbare Flächen geworden. Langfristig werden daher Elefanten vor allem in den von Menschen dichter besiedelten Gebieten Afrikas kaum in größeren Beständen überleben können. In West- und Ostafrika war daher die Dezimierung der Dickhäuter besonders stark. Heute leben dort nur noch 20 Prozent des gesamten afrikanischen Bestands.
 
Im südlichen und zentralen Afrika, wo heute etwa 80 Prozent der Elefanten leben, ist die Situation anders. Vor allem in Südafrika und einigen Nachbarstaaten schien bei deutlich geringerer Besiedlungsdichte durch die Menschen und weniger Wilderern die Vermehrungsrate der Elefanten unbegrenzt. Dort hat man daher bereits früh mit dem kontrollierten Abschuss von Tieren begonnen, man reguliert also die Bestände. Im Rahmen einer regelrechten Bewirtschaftung werden die Tiere jährlich gezählt. Höchstquoten für einzelne Regionen sind so bemessen, dass die Tiere ihren eigenen Lebensraum nicht übernutzen und damit zerstören. Überschüssige Tiere werden getötet, die getöteten Tiere vermarktet: Das Fleisch und die Haut werden der einheimischen Bevölkerung verkauft, die Bevölkerung erlebt auf diese Weise ihre wilden Elefanten als kontrolliert nutzbare Ressource. Das Elfenbein wurde ursprünglich staatlich gehandelt. Dadurch konnten einerseits eine gewisse Nachfrage befriedigt und Einnahmen erzielt werden. Andererseits hat Südafrika auch immer betont, damit illegalen Handel und Wilderei offenbar recht wirkungsvoll unterbinden zu können. Nachdem 1989 jedoch ein totales Handelsverbot für afrikanische Elefanten (inklusive ihres Elfenbeins) verfügt wurde, beschränkt sich die kontrollierte Nutzung der südafrikanischen Elefanten auf diesen nationalen Markt. Angesichts zunehmender Elefantenzahlen haben 1998 jedoch einzelne Staaten im südlichen Afrika erklärt, wieder einen internationalen Elfenbeinhandel aufnehmen zu wollen. Unter staatlicher Kontrolle können die Elefanten somit ihren eigenen Schutz finanzieren.
 
 Aphrodisiaka kosten vielen Nashörnern Horn und Leben
 
In vielen Ländern haben einzelne Teile von Tieren den Ruf potenzsteigernd zu sein oder sonstwie erotisierend zu wirken. Bei all diesen Mitteln liegen keine medizinischen Wirkungen vor, höchstens ist ein symbolischer oder mystischer Zusammenhang zu sehen. Vor allem das Horn aller Nashornarten, das letztlich nur aus der zusammengewachsenen Haarsubstanz Keratin besteht, gilt in pulverisierter Form als geradezu Wunder bewirkendes Aphrodisiakum, sodass immense Preise dafür gezahlt werden. Nach Angaben des World Wide Fund for Nature (WWF) belief sich der Schwarzmarktwert von einem Kilogramm Horn Ende der 1980er-Jahre auf 20 000 DM. Offensichtlich ist das Angebot eher gering, die Nachfrage jedoch hoch, sodass einerseits solche Fantasiepreise entstehen, andererseits die Versuchung sehr groß ist, Tiere zu jagen und den Markt zu beliefern. In Verbindung mit der allgemein schlechten Wirtschaftslage in vielen Entwicklungsländern bildeten sich Wildererbanden, die oft hervorragend bewaffnet sind (Maschinengewehre, Panzerfäuste) und dank ausgezeichneter Ausrüstung (Geländewagen, Schnellboote) regional die letzten Tierbestände abschlachten konnten. Kontrollen sind kaum möglich, oft auch nicht effektiv, oder werden beispielsweise in regelrechten Gefechten mit den wenigen Wildhütern oder paramilitärischen Einheiten ausgeschaltet.
 
In Asien waren die Bestände des indischen Panzernashorns 1995 bis auf etwa 1500 Tiere reduziert. Auf einzelnen Inseln Indonesiens wie beispielsweise Java ist es fast ausgerottet, auf Sumatra leben nur noch wenige Hundert Tiere. Das ostafrikanische Spitzmaulnashorn wurde in den letzten 25 Jahren auf fünf Prozent des Bestands dezimiert. Simbabwe versucht, die Tiere für die Wilderei unattraktiv zu machen, indem man ihnen die Hörner absägt. Vom südafrikanischen Breitmaulnashorn gab es 1920 nur noch 20 Tiere, die sich dank gut bewachter Schutzgebiete bis heute jedoch wieder auf über 6000 vermehren konnten. Daraufhin wurde 1994 wieder ein kontrollierter Handel mit Jagdtrophäen erlaubt. Dieser teuer erzielte Erfolg darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die anderen Nashornarten — so die derzeitige Einschätzung — die nächsten Jahrzehnte höchstwahrscheinlich nicht überleben werden.
 
 Froschschenkel, Schildkrötensuppe, Haifischflossen
 
Viele andere Tierarten sind im Freiland ebenfalls durch gezielte Jagd im Bestand gefährdet, weil Feinschmecker sie auf ihre besondere Weise mögen. Jährlich werden weltweit immer noch rund 250 Millionen Frösche gefangen, denen in der Regel lebendig die Beine abgerissen werden. Vor allem in Frankreich, Belgien und den USA werden solche Froschschenkel als Delikatesse gehandelt. Große Gebiete in Indien, Bangladesh und Indonesien wurden inzwischen froschleer gefangen und von Insekten übertragene Tropenkrankheiten wie Malaria nehmen zu. Meeresschildkröten sind weltweit durch Fang und Meeresverschmutzung stark zurückgegangen. Da auch ihre Eier als Delikatessen gesucht sind, gibt es in vielen Regionen kaum noch Nachkommen.
 
Haie sind als mörderische Bestien gefürchtet. Völlig zu Unrecht, denn weltweit kommen jährlich nur wenige Menschen durch Haie um, viel mehr jedoch beispielsweise durch Bienenstiche. Trotzdem wurden Haie immer verfolgt. Wenn sie sich als Beifang in einem Netz fanden, wurden ihnen meist die als Delikatesse begehrten Flossen abgeschnitten, der noch lebende Torso ins Meer zurückgeworfen. Mit der unhaltbaren Behauptung, Haie bekämen keinen Krebs und ihr Knorpel würde Krebs heilen, intensivierte sich jedoch der direkte Jagddruck auf diese Tiere. In den 1980er-Jahren steigerten die USA beispielsweise ihren Haifang um mehr als das Zehnfache, weltweit werden mehr als 100 Millionen Haie jährlich getötet. Inzwischen schrumpften die Bestände und ein Fünftel der 370 bekannten Haiarten sind selten geworden oder schon dem Aussterben nahe. Zu Letzteren gehören der Walhai, der Riesenhai und der Weiße Hai, welcher 1975 durch Steven Spielbergs gleichnamigen Hollywoodfilm ein völlig falsches Image bekam.
 
 Dem illegalen Handel muss die Grundlage entzogen werden
 
Als Fazit ergeben sich zum Schutz bedrohter Arten zwei wesentliche Forderungen beziehungsweise zwei Strategien zu ihrem Erhalt: Einerseits muss die Bejagung der Wildbestände gestoppt und der Handel mit diesen Tieren eingeschränkt oder verboten werden. Ein wesentliches Instrument hierzu ist das Washingtoner Artenschutzübereinkommen mit den CITES-Listen in seinem Anhang. Andererseits muss versucht werden, dem illegalen Handel die wirtschaftliche Grundlage zu nehmen, indem man beginnt, die Tiere zu züchten. Eine kontinuierliche und sich selbst erhaltende Zucht ursprünglich seltener oder bedrohter Arten ist unter wirtschaftlichen Bedingungen nicht immer einfach. So ist es beispielsweise wegen der aufwendigen Ernährungsweise der erwachsenen Tiere bis heute noch nicht gelungen, Frösche in nennenswertem Umfang zu züchten. Viele Schlangenarten, Krokodile und Meeresschildkröten benötigen zehn bis zwanzig Jahre bis zur ersten Eiablage, sodass eine dauerhafte Haltung bestenfalls langfristig erzielt werden kann und kaum wirtschaftlich sein wird.
 
 Der legale internationale Handel als Bedroher vieler Arten
 
Eine zentrale Bedrohung von Populationen wild lebender Tiere und Pflanzen geht vom internationalen Handel aus. Von Haustierhaltern und Pflanzenliebhabern, zoologischen Gärten und Versuchslabors, der Fell- und Lederindustrie oder von dubiosen Medikamentenherstellern geht eine permanente Nachfrage aus, die über lukrative Preise Fang und Handel vieler Arten ankurbelt. Nach zuverlässigen Angaben werden derzeit jährlich mehrere 10 Millionen Reptilienhäute und mehrere 100 000 Katzenfelle, 300 Millionen Zierfische, 4 Millionen Vögel, eine Million wilder Orchideen und fast 100 000 Affen gehandelt. Es ist weitgehend unbekannt, wie viele hiervon Fang und Transport nicht überleben. Bei Primaten wird davon ausgegangen, dass bei einigen Arten pro gehandeltem Tier mehrere weitere beim Fang getötet wurden, bei Schimpansen bis zu zehn. Bei Zierfischen und Vögeln gilt es als sicher, dass 50 bis 90 Prozent den Transport nicht überleben; viele von den Tieren, die den Transport überlebt haben, sterben in den ersten Wochen der Gefangenschaft. Meeresfische stammen fast ausschließlich aus Wildfängen und die starke Nachfrage führte bereits zur Plünderung ganzer Korallenriffe. Mit dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen wurde vor 26 Jahren versucht, den Handel bedrohter Tierarten zu verbieten. Auch wenn dieses Abkommen inzwischen fast weltweit gilt, so sind Kontrollmöglichkeiten beschränkt und Falschdeklarationen und Schmuggel blühen weiterhin.
 
Leider scheint es keine brauchbaren Statistiken zu geben, die Auskunft über exotische Tierarten geben könnten, die als Haustiere gehandelt werden. Vor allem unter den Wirbeltieren werden Arten aus praktisch allen Tiergruppen gehalten, in einzelnen Fällen durchaus artgerecht, oft genug aber unter unnatürlichen und unzumutbaren Bedingungen. Solche Tiere leiden unter einer hohen Sterblichkeit und stellen über die stete Nachfrage eine zusätzliche Bedrohung der Freilandbestände dar. Gehandelte Tiere werden zwar oft als Zuchttiere ausgegeben, da Kontrollen aber kaum möglich sind, ist hier ein weites Feld für Irreführung und Betrug. Zusätzlich ergibt sich durch unsachgemäße Haustierhaltung von Exoten ein ernst zu nehmendes Gefahrenpotenzial, etwa wenn groß gewordene Krokodile oder Schlangen nicht mehr untergebracht werden können oder entkommen, oder aber wenn nicht mehr erwünschte Tiere einfach ausgesetzt werden. Vom direkten Gefahrenpotenzial abgesehen resultiert hieraus eine mögliche Faunenverfälschung, die in Einzelfällen bereits zu nicht wieder gutzumachenden Schäden geführt hat. Beispielsweise führt das Aussetzen von Goldfischen fast immer zu einem Rückgang der Amphibienpopulationen.
 
 Viele Pflanzenarten sind durch Sammeln gefährdet
 
Lokale Ausrottung von Populationen durch Sammler ist auch bei Pflanzen häufig, in Einzelfällen sind auch bereits Arten im Freiland völlig verschwunden. Viele Kakteenarten stehen in der Natur unter einem starken Sammlerdruck, da sie nur sehr langsam wachsen und ältere Exemplare aus Nachzucht kaum gehandelt werden. Viele Orchideen vermehren sich auch heute nur sehr schwer unter Zuchtbedingungen, sodass noch recht viele Wildpflanzen gesammelt werden. Abgesehen von solchen Liebhaberpflanzen, für die zum Teil beträchtliche Summen gezahlt werden, kann auch der normale Handel von gewöhnlichen Ziergartenpflanzen Freilandbestände gefährden. So exportierte beispielsweise die Türkei in den 1980er-Jahren über 70 Millionen Pflanzenzwiebeln (unter anderem Winterlinge, Schneeglöckchen, Märzenbecher) nach Europa. Hierfür wurden ganze Landstriche geplündert und so manche Population hat sich hiervon nicht mehr erholen können.
 
Prof. Dr. Wolfgang Nentwig
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Artenschutzkonzept und Wiedereinbürgerung
 
 
Korneck, Dieter und Sukopp, Herbert: Rote Liste der in der Bundesrepublik Deutschland ausgestorbenen, verschollenen und gefährdeten Farn- und Blütenpflanzen und ihre Auswertung für den Arten- und Biotopschutz. Bonn-Bad Godesberg 1988.
 
Rote Liste gefährdeter Tiere Deutschlands, bearbeitet vom Bundesamt für Naturschutz. Bonn-Bad Godesberg 1998.

Universal-Lexikon. 2012.

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